Geschichte
Der Cowboy mit dem Zauber-Banjo

„Sag mal, spielst Du eigentlich gerne Banjo“, fragte der geheimnisvolle Cowboy an Albert gerichtet. Der grosse Mann mit dem federgeschmückten Cowboyhut und dem schlacksigen Gang war zur Bühne herüber geschlendert und hielt dabei in seiner rechten Hand einen interessant aussehenden Instrumentenkoffer.
Albert, der am Rand der Bühne in die Hocke gegangen und gerade dabei war, mit einem Baumwolltuch über die Saiten seiner Stratocaster zu wischen, um sie von den Fett-und Schweissspuren des gerade fertig gepielten Gigs zu befreien, tat so, als hätte er den geheimnisvollen Cowboy garnicht bemerkt. Albert war schlecht drauf. Der Gig war nicht so gut gelaufen und auch die Bezahlung war eher mies gewesen.
„Ja sicher, was denkst du denn? antwortete er dennoch, widerwillig und erst nach einer peinlichen Pause. "Oder glaubst du, ich stelle mich dem Teil auf die Bühne, weil das Banjo so schön glitzert?" "Nein, im Ernst", setzte er noch einen drauf, "ist voll mein Lieblingsinstrument. Kommt noch vor meiner Stratocaster“, fügte er mit einem zynischen Unterton hinzu und grinste dabei so unverschämt, dass man am liebsten zu Old Shatterhand mutiert wäre, um ihm völlig bedenkenlos eins in seine Fresse zu hauen. Mit der Spielhand des Musikers? Keine Gute Idee.
Dabei schaute er auf der Bühne, inzwischen aufgerichtet, auf den Cowboy herab, der sich direkt vor der Bühne auf der Wiese positioniert hatte. Albert fiel die Knollennase des schlacksigen Cowboys auf, die ein bisschen knubbelig aussah. Er musterte den Cowboy von oben bis unten. Und sah einen großgewachsenen und maskulinen Kerl, einen Naturburschen, dem sein Testesteron aus allen Poren zu treten schien. Ein Kerl wie er im Buche stand, und zwar in einem von Karl May. Die Ladies aus den diversen Western-Salons dürften ihre wahre Freude an ihm haben, hätten Sie ihn denn dort begrüßen dürfen.
Doch der geheimnisumwitterte Cowboy hatte sein Pulver längst noch nicht verschossen, als er zu einem Konter ansetzte: „Und warum lernst Du es dann nicht endlich?“ sagte er laut. So laut, dass es im Umkreis von 30 qm jeder hören konnte, ob er wollte oder nicht. Zuerst setzte wieder eine peinliche Pause ein, in der absolute Stille herrschte. Dann ging mit einem Schlag ein Gepruste los, dass ich gewaschen hatte. Erst prustete nur einer, dann unmittelbar ein zweiter und dann immer mehr, bis es ganz allmählich in ein schallendes Gelächter überging. Das man vermutlich noch bis in den Nachbarort gehört hat. Es kam wie es kommen musste und endete in einem Lachflash, der für eine ziemlich lange Weile überhaupt nicht mehr aufhören wollte.
Unser geheimnisvoller Cowboy wartete geduldig, bis wir alle unsere Sinne wieder einigermaßen beisammen hatten. So ein Lachflash war schließlich keine Kleinigkeit. Und es gab auch keinen Schalter, mit dem man diesen anfallartigen Ausbruch von Humor einfach abschalten konnte. Wenn der nämlich erst einmal einen richtigen Lauf hatte, war er in aller Regel nicht mehr zu stoppen und entzog sich jeglicher Kontrolle. Solange sitzt du tatenlos daneben und hoffst, dass dein Zwerchfell irgendwann ein Einsehen hat.
„Du kannst es also besser?“, fragte Albert schließlich, als sich der allgemeine Humorausbruch wieder einigermaßen gelegt hatte. Seine Frage klang nicht neugierig. Sie hörte sich wie der letzte verfügbare Notausgang an. Alberts sonst so reichhaltige Repertoire an schlagfertigen Argumenten war offenbar gemeinsam mit dem Lachflash plötzlich in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwunden.
„Besser?“, wiederholte der Fremde und legte den Kopf schief. „Albert, ich kann es sogar so spielen, dass man dabei nicht das Gefühl bekommt, das Banjo riefe dabei um Hilfe.“ Erneut setzte Gelächter ein. Der Cowboy hatte längst sein Publikum. Und Albert hatte am Schlafittchen.
Alberts leicht vorstehende Kinnlade sank noch ein Stück tiefer. Und seine Gesichtsfarbe wechselte von der allgemeinen Bühnenblässe ins Signal-Rot.
„Na, dann zeig doch mal, was du drauf hast, du Weltbester Banjoplayer!“, raffte sich Albert noch einmal auf, nachdem es ihm zunächst erneut die Sprache verschlagen hatte. „Du hast genau einen Versuch!“
„Nur einen?“, fragte der seltsame Cowboy. „Dann sollte ich mich wohl lieber nicht zurückhalten.“
„Spiel einfach“, knurrte Albert.
Der unbekannte Cowboy grinste. „Du wolltest es nicht anders, Baby.“
Er legte seinen Instrumentenkoffer ins Gras, öffnete die Schnappverschlüsse und nahm sein Five-String-Banjo behutsam aus dem Samtfutteral.
Nik hieß der unbekannte Cowboy. Das erfuhren wir allerdings erst später am Bierstand, als aus dem musikalischen Kräftemessen allmählich ernsthafte Vertragsverhandlungen wurden.
Nik hängte sich das Banjo um, streifte bedächtig die Metallpicks über Daumen und Finger seiner rechten Hand und prüfte noch mal kurz die Stimmung seines Instruments.
Den noch betriebsbereiten, leise brummenden Gitarrenverstärker neben sich ließ er links liegen. Er brauchte ihn nicht. Sein Vertrauen in das fünfsaitige Instrument und seine eigenen musikalischen Fähigkeiten schienen grenzenlos.
„Ich nehme mal an, du kennst Dueling Banjos?“, fragte Nik an Albert gerichtet. „Falls ja, gebe ich dir die Ehre, mich zu begleiten, mein Freundchen.“
Albert war versucht, die Einladung abzulehnen. Freundchen hatte er ihn genannt! Und schliesslich konnte er nicht von jedem dahergelaufenen Banjo-Player Befehle entgegennehmen. Schon gar nicht von einem, der aussah, als käme er schnurstracks aus Fort Fun herbei geritten.
„Ich begleite niemanden, der mich gerade beleidigt hat“, sagte Albert.
„Dann sieh es als Gelegenheit zur Wiedergutmachung“, erwiderte Nik. „Welche Wiedergutmachung?", wunderte sich Albert. „Du kannst mir zeigen, dass du auf der Akustischen Gitarre besser spielst als auf deiner Fünfsaitigen.“ Zack! Schon wieder hatte Nik dem Albert eine verpasst.
Wie sich später noch herausstellen sollte, nannte er sein Banjo stets die Fünfsaitige, so, als sei es eine Gitarre mit fünf Saiten, quasi eine mehr oder weniger als bei einer Gitarre, weil die Bassgitarre vier und die Gitarre sechs Saiten hat, jedenfalls in ihrer Standardvariante.
"Sieh genau hin und spitz deine Lauscher. Jetzt kannst du noch was lernen", sagte Nik noch, bevor er dem Albert auf seinem Five-String-Banjo endlich zeigte, wo der Bartel den Most her holt.
Wumms! Genau zwischen die Augen! Der Treffer landete genau dort, wo Albert ohnehin sehr empfindlich war. Auf seiner Eitelkeit.
Alberts Ablehnung von Niks Begehren hätte man ihm sofort als bockiges Rumgemache ausgelegt. Das Publikum hätte es mitbekommen, und die Band sowieso, und sein Ruf als Bandleader wäre vermutlich, zumindest für eine Weile, ziemlich im Eimer gewesen. So etwas sprach sich rum in der deutschen Country Szene, die eher klein und gemütlich war, als groß und unübersichtlich.
Albert kannte das Stück wie aus dem FF. Er hatte den Song aus dem Film „Beim Sterben ist jeder der Erste“ schon tausendmal auf der Gitarre gespielt.
Also griff er, wenn auch widerwillig, nach seiner akustischen Gitarre und stöpselte das Kabel in den Verstärker.
Dann begann Nik zu spielen. Die ersten Töne spielte er langsam. Zunächst einzelne, klare Noten, und er spielte sie fast beiläufig.
Albert antwortete auf der Gitarre.

Banjo und Gitarre warfen sich kleine Melodien zu. Um die beiden musikalischen Kampf-Hähne herum bildete sich sehr schnell eine Traube, die rasch größer wurde. Offenbar hatte sich herumgesprochen, dass hier gerade jemand musikalisch auf der Anklagebank sass und kurz vor seiner Exekutierung stand.
Vorsichtig zunächst, als würden zwei kampfbereite Hähne, jeder auf den anderen lauernd, einander umkreisen, um, mal ruhig, mal wild mit dem Gefieder um sich schlagend.
Dann zog Nik das Tempo an.
Seine Finger tanzten erst über die Saiten, immer schneller, und begannen kurz darauf zu fliegen. Die Töne perlten über das Banjo, über die Dorfwiese hinweg, hinab bis ins Tal. Sie wurden schneller, drängender, wilder. Fast so, als wolle ein ungestümes Banjo über eine schüchterne Akustische Gitarre herfallen, wie bei der Schlacht am Little Bighorn 1876 im Bundesstaat Montana, als die Indianer unter Sitting Bull, Crazy Horse und Gall das 7. Kavallerieregiment unter General Custer vernichtend schlugen.
Nik trieb Albert vor sich her, wie Sitting Bull und Crazy Horse das 7. Kavallerieregiment, während Albert versuchte, nicht den Anschluss zu verlieren, so wie General Custer und sein 7. Regiment.
Albert war ein sehr guter Gitarrist. Doch schon nach kurzer Zeit stand ihm die Konzentration auf seiner inzwischen in Falten geworfenen Stirn. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, sein persönliches Dilemma noch abzuwenden.
Nik dagegen wirkte, als täte er nichts weiter, als sich nebenbei eine Entspannung-Zigarette zu drehen.
Und als das Duell endlich beendet schien, legte er noch einen nach. Duelin’ Banjo war gerade zu Ende gespielt, als Nik ohne Vorwarnung in eine aberwitzige Banjo-Version von The Devil Went Down to Georgia wechselte. Der Song gehörte im Original der Fiddle. Also gehörte er eigentlich Albert. An diesem Nachmittag jedoch gehörte er Nik. Er hatte ihn Albert nicht einfach nur weggenommen. Er wurde ihm musikalisch aus der Hand gerissen, sauber abgewischt, um anschließend vor Publikum zu erklären, wie man es richtig spielt.
Und jetzt spielte Nik tatsächlich wie der Teufel. Und "The Devil When Down to Georgia" war nur Vorgeplänkel gewesen.
Die Leute, die bereits zu den Bierbuden unterwegs gewesen waren, drehten sich wieder um. Kinder blieben vor dem Karussell stehen. Selbst das Fußvolk, das nur zufällig vorbeikam und vermutlich überhaupt keine Ahnung hatte, was hier gerade passierte, versammelte sich vor der Bühne auf dem Lastwagen, wo ich das Drama nicht auf der Bühne, sondern unmittelbar davor abspielte.
Als endlich der letzte Ton über die Wiese ins Dorf hinunter peitschte, entstand einen Herzschlag lang eine vollkommene Stille.
Dann brach Applaus los. Nicht jener freundliche Pflichtapplaus, den man einer Band gönnt, die sich redlich bemüht hatte. Echter, lauter, begeisterter Applaus. Mehr als wir während unseres gesamten Gigs bekommen hatten.

Nik verbeugte sich knapp. Und hätte er in diesem Moment durch eine Tür gemußt, er wäre bei dem Versuch gescheitert.
Albert stellte wortlos seine Gitarre auf den Ständer zurück. Er war bedient. Und zwar sowas von, dass man ihm noch eine Quittung hätte ausstellen müssen.
Dabei hatte er als Gitarrist eigentlich eine gute Figur gemacht. Nur hatte das keiner bemerkt, weil sämtliche Augen und Ohren auf Nik und sein in Silber glänzendes Five-String-Banjo gerichtet gewesen waren.
„Na ja“, sagte Albert schließlich wie ein Mann, der gerade öffentlich überfahren worden war und nun behauptete, er habe ohnehin auf der Straße liegen wollen.
„War jetzt nicht sooo schlecht“.
Nik nahm sein Banjo und sah ihn an. „Das klingt fast wie ein Kompliment.“
„Gewöhn dich nicht dran“, sagte Albert.
„Keine Sorge“, erwiderte Nik. „Dafür müsstest du erst einmal eines zustande bringen.“
Dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Denn wenig später standen wir gemeinsam am Bierstand. Die ganze Band. Und Nik.
Nik erzählte, er suche schon länger nach einer Countryband, die möglichst aus der Gegend sein sollte. „Aber eine mit „gescheiten“ Musikern drin“, sagte Nik noch.
Ob wir zu den „Gescheiten“ zählten, ließ er zunächst offen. Immerhin, musikalisch seien wir aber durchaus zu gebrauchen.
„Wie wär’s, wenn wir es mal gemeinsam versuchen“, fragte Friedel unvermittelt. Friedel war der Schlagzeuger und immer auf der Überholspur unterwegs. Manchmal auch, wenn auf der Bühne zwar die Pferde, aber jedenfalls die Trommelstöcke mit ihm durchgingen. Und er dann auch schonmal einen Tick zu schnell spielte. „Du suchst doch eine fähige Countryband aus der Gegend, und eine bessere als uns gibt es in ganz Deutschland nicht", übertrieb er schamlos und ohne dabei zu berücksichtigen, dass auch Rick gerade mitbekommen hatte, dass die Band heute nicht ihren besten Tag gehabt hatte. Dennoch fragte er so, dass nicht eine einzige seiner Wimpern zu zucken vermochte. Vor allem aber hatte er sich nicht mit Albert abgestimmt. Eigentlich war das eine Totsünde. Nicht einmal ein Blick war in dessen Richtung gegangen, als er seinen Vorschlag öffentlich machte. „Ein richtiger Banjospieler würde uns gut zu Gesicht stehen", ergänzte Friedel noch.
Das saß. Erneut. Zwei Schläge auf einmal. Erst der Vorschlag an Nik, ohne sich mit dem Bandleader abzusprechen. Und dann auch noch der unterschwellige Vorwurf an Albert, ein schlechter Banjoplayer zu sein. Das war eine Menge Holz, was Albert da erneut zu hacken hatte. Und er hackte schwer daran.
Endlich räusperte sich Albert. „Wir suchen übrigens niemanden, der nur ein Stück kann“, sagte er, als wolle er das Schlimmste noch verhindern.
Nik hob die Augenbrauen. „Zählen kannst also auch nicht“, erwiderte er. „Gerade eben erst habe ich zwei Stücke gespielt. Und ich versichere Dir, dass ich noch ein drittes auf der Pfanne habe“. Langsam fand Albert die Worte wieder. „Na, dann wollen wir mal sehen, ob wir Dir noch ein viertes beibringen können“. Das war ziemlich witzig. So als fände Albert gerade zur alten Schlagfertigkeit zurück. Jedenfalls führte es dazu, dass alle aus der Band anfingen, gemeinsam laut loszulachen. Und sogar Nik stimmte in das allgemeine Gelächter mit ein.
„Du müsstest aber auch Gitarre spielen“, hielt Albert die vermeintliche Entscheidung noch ein wenig zurück, ohne dass das überhaupt noch möglich schien. Sicher auch um Nik klar zu machen, wer hier das Wort zu führen hatte. Und wohl, um durch diese lediglich rhetorische Einschränkung nicht allzu gravierend klingen zu lassen, schob er noch hinterher: „Wenn das Banjo gerade mal nicht gebraucht wird, versteht sich“.
Das war knapp, dachte Albert, jetzt wollte er Nik unbedingt. Der wiederum nahm einen Schluck Bier und tat so, als müsse er erstmal ernsthaft darüber nachdenken.
„Damit könnte ich leben", befand er schließlich.
Albert nickte langsam. „Und du hältst dich an die Arrangements.“
„Wenn sie gut sind.“
„Sie sind gut.“
„Dann muss ich mich ja nicht sorgen.“
Und so ging das noch eine ganze Weile weiter, vielleicht noch 2 oder 3 Stunden. So kam Nik noch am selben Tag, wenn auch erst am späteren Abend zu einem neuen Job als Banjo Player. Und unsere Band zu einem weiteren Unikum, dass nicht nur instrumental-technisch eine echte Bereicherung wurde.
Angeblich war Nik ja nur zufällig mit Banjo, Fingerpicks und Cowboyhut auf einer Wiese erschienen, auf der gerade zufällig eine Countryband ohne „richtigen“ Banjoplayer ihren Auftritt beendete.
Ein Schelm, der dabei die pure Absicht vermutet. Und ein noch viel größerer Schelm ist der, der glaubt, Nik habe den Bierstand erst nach unserem Auftritt entdeckt.
Als die Band endlich begann, ihren Kram in den Bandbus zu räumen, wurde es langsam schon dunkel, der Gig war schon seit Stunden gespielt und es war höchste Zeit für Nik, sich auf seinen Gaul zu setzen und wieder in Richtung Fort Fun zu reiten. Das konnte er sich nämlich leisten. Hauptsache, er kam wieder zurück. Zur Probe und zu den Gigs. Weil er nicht nur das Banjo spielen konnte. Er konnte darauf zaubern.