Das ist bei mir nicht anders. Und immer, wenn ich mir diese Frage stelle, kommen mir sehr schnell all diese Kindheitserinnerungen in den Sinn, bei denen man schon mal leicht in Versuchung gerät, die guten alten Zeiten heraufzubeschwören.
Fünf Mark und ein warmes Lächeln
Ich war ein kleiner Junge. Ich hatte mit zweieinhalb Jahren eine Kinderlähmung. Danach war ich ein gutes Jahr lang immer irgendwo in irgendeiner Behandlung. Doch einige Behandlungen und ein paar Operationen später hatte ich das Gröbste überstanden.
Die Lähmung der gesamten rechten Körperhälfte hatte sich bis auf die Bein- und Fußmuskulatur zurückgebildet und mein rechtes Bein war mit einer Orthese versorgt. So konnte ich, wenngleich hinkend und humpelnd, wieder gehen und laufen.
Damals hat mir Schwester Apollinaris manchmal fünf Mark in mein Kinderhändchen gedrückt. Wortlos. Mit einem warmen Lächeln im Gesicht. Das mehr sagte, als Worte es je zu sagen vermögen. Heimlich, dass es keiner mitbekommen sollte. Natürlich hat es immer jemand mitbekommen.
Schwester Apollinaris hatte kein eigenes Geld. Die gutmütige Nonne hatte ein Armutsgelübde abgelegt. Es gab aber private Spender, die der Schwester vom Orden „Unserer Lieben Frau“, die meistens in schwarzer Ordenskleidung unterwegs war, gelegentlich Geld zusteckten. „Meistens“ deshalb, weil sie an Sonn- und Feiertagen gerne auch mal die weiße Berufskleidung überstreifte.
Ich war jetzt also in einem Kinderheim. Aber ich war auch ein Glückspilz. Schwester Apollinaris zeigte sich ständig an meiner Seite. Sie beschützte mich, wenn es sein musste, auch wie eine Löwin, wo sie nur konnte, und besorgte mir immer wieder irgendwelche Extraportionen, damit ich nicht vom Fleisch fallen sollte. Früh am Morgen, noch bevor die anderen Jungen da am Start waren, kochte sie mir in der Teeküche einen Bohnenkaffee gegen meine vermeintliche Blutarmut. Heimlich versteht sich. Offensichtlich hatte sie einen Narren an mir gefressen. Sie war der Boss von 50 großen und kleinen Jungen. Sie hatte das Personal unter ihrem Kommando, das uns beaufsichtigte, und auch sonst alles fest im Griff.
Es gab auch noch eine etwa gleich große Mädchengruppe, die aber getrennt von den Jungen in einem anderen Stockwerk untergebracht war. Alles klar streng katholisch organisiert.
Am Sonntagmorgen ging es regelmäßig zur heiligen Messe in die hauseigene Kapelle. Links die Mädchen. Rechts die Jungen. Vorne und hinter dem Altar der Hausgeistliche, der gleichzeitig auch als geistlicher Leiter der gesamten Anstalt unterwegs war. Dahinter das Fußvolk, Menschen von außerhalb, meist aus der Nachbarschaft, die eingeladen waren, der heiligen Messe beizuwohnen.
Ich musste die Beute nicht teilen
Zurück zum Glück. Mit dem Geld in der kleinen Kinderfaust, die ich aus Gründen der größeren Sicherheit in die Tasche meiner speckigen Kinderlederhose gesteckt hatte, bin ich dann sofort, nachdem ich „den Heiermann“ eingesteckt hatte, ins nächste Lebensmittelgeschäft gerannt. Oder in den Kiosk, der schließlich auch nur einen Steinwurf entfernt war. Dort kaufte ich mir eine Prinzenrolle, eine Colaflasche und ein paar Comichefte. Und glaubt mir, fünf Mark waren damals nicht nur einfach ein „Heiermann“. Es war auch ein ganzer Haufen Geld.
Dann bin ich unauffällig mit meiner Beute an irgendeine einsam gelegene Stelle auf einer großen Wiese gegangen, weit weg vom allgemeinen Getümmel, wo ich nun im wahrsten Sinne des Wortes meine Ruhe hatte. Manchmal bin ich auch gleich im nahe gelegenen Stadtwald verschwunden, wo ich in unmittelbarer Nähe eine etwas versteckte Lichtung kannte. Das Allergrößte: Ich musste meine Beute nicht teilen!
Dort habe ich die Schokoladenplätzchen von De Beukelaer nach Herzenslust und völlig hemmungslos mit Coca-Cola runtergespült, während ich mir gleichzeitig und mit der gebotenen Andacht die neuen Comichefte einverleibte. Erst wenn alles restlos vertilgt war, die Prinzenrolle und die Flasche Coca-Cola, hatte meine liebe Seele die ersehnte Ruhe.
Eine Ruhe, wie man sie nach einer derartigen Fressorgie nur als Kind haben kann. Heutzutage würde ich nach einer solchen Fressattacke wahrscheinlich erst mal anständig kotzen. Und danach hätte ich sicher starkes Sodbrennen und würde gerade nach einer Magentablette suchen.
War das Glück? Als ich da so auf der Wiese gelegen bin, zufrieden in die Sonne blinzelte und mir in aller Ruhe die Wolkenformationen anschaute. Wie da ganze Herden von amerikanischen Bisons durch die Prärie bretterten und unter ihren Hufen nichts als Zerstörung hinterließen?
Mir fallen immer wieder schöne Momente aus meiner Kindheit ein, für die mich paradoxerweise schon so viele Menschen bedauert haben. Weil ich im Kinderheim großgeworden bin. Weil mich dieser schreckliche Polio-Virus erwischt und niedergestreckt hatte. Weil ich nicht wie andere Kinder ein richtiges Zuhause hatte. Mag sein, dass diese Kindheit so manche Wunde hinterlassen hat, die nie verheilte. Schließlich wohnte ich in einem Heim für behinderte Kinder. Isoliert vom Rest der Welt. Selbst im offiziellen Telefonbuch, in den „Gelben Seiten“ der Deutschen Post, war die Anstalt als „Kinderkrüppelheim“ deklariert. Aber als Kind hatte ich solche Gedanken einfach nicht. Ich hatte eine andere, eine sehr naive und kindliche Sicht auf die Dinge. Und das war auch gut so.
Wie Karl-Heinz Schnellinger und Hans Tilkowski
Das Gelände war riesengroß. Es gab viele Bäume und Büsche, Wiesen und jede Menge Rasen, auf dem man trefflich Fußball spielen konnte. Eine eigene Bäckerei, eine große Anstaltsküche, eine riesengroße Gärtnerei und eine Schlosserwerkstatt waren außerdem Teil der Anstalt. Und die Gerüche von damals, aus der Gärtnerei, aus der Küche und aus der Bäckerei, habe ich heute noch in der Nase. Selbst einige Geräusche aus der Schlosserei sind in meiner Erinnerung verblieben.
Und es gab diese alten Gemäuer und all die inzwischen unbewohnten Räumlichkeiten, alte Speicher und Kellerräume, mit alten Lampen und Schränken, ausrangierten Betten und Kisten. Perfekt geeignet als Abenteuerspielplatz. Zumal es unter Androhung drastischer Strafen streng verboten blieb, sich dort aufzuhalten. Und wo, verflixt noch mal, ist es schöner für ein Kind zu spielen, zumal der Reiz des Verbotenen einen zusätzlichen Kick gab, als unter derart abenteuerlichen Bedingungen, die man damals übrigens noch nicht bezahlen musste.
Wir konnten auf den zahlreichen Wegen nach Herzenslust mit dem Fahrrad herumgurken und auf einer großen Wiese mit dem Fußball herumbolzen, humpelnd und stolpernd zwar. Dennoch fühlten wir uns wie Karl-Heinz Schnellinger auf dem Außenflügel und Hans Tilkowski im Tor der Deutschen Nationalmannschaft. Wir konnten durch die Büsche streifen, uns dort verstecken und auf Bäume klettern. Und im Sandkasten konnten wir in selbst gebauten Autos herumfahren. Wir durften als Old Shatterhand und Winnetou Ben Cartwright auf seiner Ponderosa Ranch besuchen und mit Little Joe und Hoss in der Küche von Hop Sing abhängen.
Doch die Momente, in denen ich diese spezielle Ruhe hatte, wenn ich völlig selbstzufrieden und vollgestopft mit Süßigkeiten und bis zum Rand voll mit Coca-Cola als der kleine Junge mit dem Humpelbeinchen in der speckigen Kinderlederhose so selbstzufrieden im Gras lag, die sind unübertroffen.
Heute frage ich mich allen Ernstes, ob das die Momente in meinem Leben waren, in denen ich glücklich sein durfte. Weil ich mich heute so gerne mit einer derartigen Sehnsucht daran erinnere, als sei das geradezu alles gewesen, was mir in meinem Leben jemals etwas bedeutet hatte.
Aber eins ist auch klar. Solange nicht geklärt und definiert ist, was Glück tatsächlich bedeutet und was es wirklich braucht, damit jemand glücklich ist, wird die Frage danach, ob ich damals glücklich war, wohl unbeantwortet bleiben müssen. Cheers.
← Zurück zur Übersicht